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Sonntag, 20. Januar 2013

Realität versus Religion


„Die unzufriedenen Friedensfreunde, die mit dem Zustand des nichtfließenden Blutes noch nicht genug haben, denken in den Bildern eines messianischen Reiches in dem Wolf und Lamm miteinander weiden. Die kleine Unwahrscheinlichkeit, dass der Wolf dabei überleben kann, indem er Gras frisst, wird hingenommen, obwohl sie doch an den Zeitpunkt denken lässt, an dem die Wölfe vom Aussterben bedroht sein werden und sich die Wolfsfreunde zusammentun müssen, um von irgendwoher Lämmer für die Wolfserhaltung zu beschaffen – die Lämmer von anderen Wieden natürlich. Man merkt, dass es ein anderer sein musste, der sich den messianischen Zustand ausgedacht hat, als der, der sich die Natur ausgedacht hatte.“



Mit dieser Frage steigen schon Kreationisten und Evolutionsbiologen in den Ring.
Der Kreationist ist der Überzeugung, dass das Leben auf der Erde von einem übernatürlichen Wesen geschaffen wurde, zum Beispiel einem Gott und bildet somit die Opposition zu Naturwissenschaften, denn Anhänger der Evolutionstheorie vertreten Charles Darwins Ansicht, dass durch natürliche Selektion die heutige Artenvielfalt entstanden sei, ohne dass eine Gotthet in die Abläufe eingegriffen hätte, allerdings wollen die Kreationisten diesen Konflikt überwinden, sie wollen ihn für sich entscheiden.
Aber kann man Religion denn jetzt mit der Realität in Einklang bringen, oder wird der Konflikt ungelöst bleiben? Und wissen wir überhaupt, was Realität ist? Warum sollte gerade die Ansicht der Evolutionisten der Realität entsprechen, nicht aber die der Kreationisten? Auch die Evolutionstheorie ist eben nur eine Theorie und wurde nie bewiesen, ebenso wenig wie die Existenz eines Gottes.
Der theistische Evolutionismus stellt einen Kompromiss dar. Gott erschuf die Naturgesetze und hat die Evolution in die Wege geleitet, ließ den Dingen aber dann ihren Lauf.
Ist eine Theorie. Die andere, wie alles entstanden sein könnte, ist die Urknall-Theorie. Egal, welche Theorie eine Seite aufwirft, die gegnerische hat eine eigene parat. Religion und Realität sind also kaum miteinander vereinbar.
Als fünftes Gebot steht geschrieben: „ Du sollst nicht töten.“
Um aber Fleisch zu beschaffen, muss getötet werden. Ist nun also jeder Fleischfresser ein Sünder und nur der Vegetarier ein guter Christ?
Nein, leider nicht. Auch wenn Vegetarier eben dieses Gebot oft als Rechtfertigung für ihren Lebensstil nutzen, so ist sie doch ungültig, denn in der Bibel führt Gott auf, dass alles, was lebt zur Nahrung dienen soll und schätzt tierische Opfergaben höher als pflanzliche. „Du sollst nicht töten.“ bezieht sich also nur auf andere Menschen, sowie sich im Prinzip alle zehn Gebote auf das Zusammenleben der Menschen konzentrieren. Für einen gläubigen Christen ist es sicher schwer anzuerkennen, dass die Natur und die Paradiesvorstellung aus verschiedener Feder stammen müssen. Er wird argumentieren „Es gibt aber nur einen Gott.“ aber wer hat dann die Vorstellung des messianischen Reiches so geprägt, dass sie konträr zur Natur verläuft?
Und wenn die Lösung, um Wolf und Lamm friedlich beieinander wohnen zu lassen ist, fremde Lämmer zu stehlen um die Wölfe zu sättigen, widerspricht das den zehn Geboten nicht noch viel mehr? „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut.“ „Du sollst nicht stehlen.“
Um auf religiöser Basis zu argumentieren: Gott hat den Wolf als Fleischfresser geschaffen, demnach darf der die Lämmer reißen, um satt zu werden. Der messianische Zustand dagegen scheint ein Ideal-Weltbild der Menschen zu sein, welches niemals existieren wird, sodass der Mensch weiter ein Ziel hat, dass er verfolgen kann, nämlich das Unerreichbare zu erreichen, die Utopie.
An diesem Punkt würde ich gern ein Stück von der Metapher des Wolfes und des Lamms abrücken, denn durch den Lösungsvorschlag, fremde Lämmer anzuschaffen, lässt sich klar der Egoismus des Menschen erkennen. „Wenn meine Lämmer und Wölfe friedlich miteinander leben, so habe ich das Paradies auf Erden. Dass anderer Leute Lämmer für meine Wölfe sterben müssen, ist mir egal.“
Der Mensch ist also auf seinen eigenen Vorteil bedacht, ohne Rücksicht auf Verluste und das wiederum, hat nichts mehr mit dem messianischen Reich zu tun, denn das Gebot, dass über allen anderen steht, lautet: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“ Wer sich mit der Religion nicht identifizieren kann, darf sich auf gern des guten alten Sprichwortes „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu.“ bedienen.
Man kann hier eine Parallele zu Kant erkennen, dessen Lösungsvorschlag für die Misere der kategorische Imperativ gewesen sein könnte. „Handele stets so, dass dein Handeln als Maxime für die Gesellschaft gelten könnte.“
Dass solche Forderungen aber utopisch sind, hat auch schon Thomas Hobbes erkannt. Mit seinem Satz „Homo homini lupus est“ (lat. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“) beschreibt er genau das Menschenbild, das der Realität entspricht. Wie Wölfe leben Menschen in „Rudeln“, Gruppen, wenn es aber problematisch wird, wird der Mensch, ganz wie der Wolf, zum Egoisten. „Erst ich, dann die anderen.“ „Solang bei meinen Wölfen und Schafen Frieden ist, bin ich zufrieden, wenn andere ihre Herden nicht kontrollieren können, ist das ja nicht meine Schuld.“
So oder so ähnlich denkt wohl letzten Endes jeder Mensch, denn jeder Mensch ist egoistisch. Muss er auch sein. Gäbe es Menschen, die absolut selbstlos agieren, würden diese von tatsächlich egoistischen Menschen ausgenutzt werden. Ein gesundes Maß an Egoismus ist unabdingbar, um sein Leben möglichst angenehm zu gestalten, um überhaupt überleben zu können. Natürlich nicht ganz und gar ohne Rücksicht auf Verluste.
Man merkt also, die Vorstellungen des messianischen Reiches und die Natur stammen aus unterschiedlichen Richtungen, genauso wie die Religion und die Naturwissenschaften. Aber ist Religion, Glaube, nicht einfach nur der Versuch, der Realität Einhalt zu gebieten? Vor ihr flüchten zu können, weil sie nun mal alles andere als paradiesisch ist?





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